Buchvorstellung Grüne Lügen

Wenn in der Presse wieder einmal ein Bio-Skandal in die Schlagzeilen gerät, bin ich als Bio-Shirt-Händler natürlich alarmiert und an den Hintergründen interessiert. Umsomehr, wenn ein 300 Seiten Schmöker mit dem Titel „Grüne Lügen“ erscheint, den ich hier vorstellen möchte.

Grüne Lügen Buchvorstellung

Grüne Lügen

Friedrich Schmidt-Bleek

Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten.

Verlag Ludwig

Vorweg: Das Buch wartet nicht mit skandalösen Neuigkeiten auf, wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richtet – jedem, der sich ein wenig Gedanken über den Zustand der Welt macht, wird einleuchten, dass es so nicht weitergehen kann.

Das Skandalöse daran ist höchstens, dass diese Probleme schon so lange evident sind und sich dennoch kaum was ändert. Die PR-Abteilungen der Protagonisten vermitteln uns seit Jahren zwar, dass sich wahnsinnig was tut in diesem Bereich – Stichworte: Bio / Nachhaltigkeit / CSR / Fair Trade / Hybrid-Autos und E-Mobilität und vor allem Energiewende und CO2 Neutralität. Doch gerade mit den letzten beiden Punkten räumt Bleek gehörig auf.

Um dies populistisch zu verdeutlichen, eigent sich hervorragend das Beispiel Energiesparlampe (Film Bulb Fiction) bzw. das „Glühbirnenverbot“ (korerkt eigentlich EU-Vorschriften zu Effizienzkriterien. siehe auch die Filmkritik Bulb Fiction – kritisch betrachtet von Georg Günsberg ). Laut der Film-Doku bringt das defacto Glühbirnenverbot gerade mal 0,04% weniger CO2-Austoß pro Jahr. Ich bezweifle, dass der Ressourcenaufwand für die Herstellung der Energiesparlampe dabei schon eingerechnet ist – schon deshalb nicht, weil die Herstellung meist in China stattfindet und somit die daraus resultierenden Umweltprobleme dorthin „outgesourced“ sind, wo sie uns vermeintlich nichts angehen. Womit wir auch schon beim Kernthema des Buches ankommen:

Ressourcenwende und Umweltpolitik

Keine Frage: die Energiewende ist Dank Klimawandel in aller Munde. Bleek zeigt jedoch anschaulich auf, dass die Umweltpolitik eine Nachsorgende ist, also eine, die sich auf die Symptome konzentriert ohne die Ursachen richtig zu bekämpfen.

 Die Frage, die sich hier jedoch zunächst aufdrängt, lautet: Was tut unser Umweltschutz? Was tut energiesparende Technik in Kühlschränken, Automotoren, Heizungen, Industrieanlagen, was bewirken wiederverwertbare Materialien, das Dämmen von Häusern, entgiftete Wasch-, Reinigungs-, Kosmetikartikel, Pfandflaschen und Energiesparlampen, wenn sie die Umwelt nicht schützen?

Bleek spricht dabei von einer „milliardenschweren Zweitwirtschaft“ – eine neue „grüne“ Wirtschaft, die mit eben den Mitteln, die überhaupt erst für die Umwelt- und Gesundheitsgefahren verantwortlich ist, Gefahren für die menschliche Gesundheit abzuwenden: mit zusätzlicher Technik und einem ständig steigenden Verbrauch von Ressourcen.

Beispiel Elektromobilität

Seit den 60er Jahren ist das Auto als eine der größten Umweltsünden bei den Umweltschützern verschrien. Bis zum Jahr 2000 konnte der Treibstoff auch Blei enthalten. Den daraus resultierenden Umweltproblemen (zB. Waldsterben) begegnete man mit bleifreiem Benzin und Katalysator, der die schlimmsten Schadstoffe herausflitert. Eine sogenannte end-of-the-pipe-Lösung, wo der Schaden erst erzeugt wird, und am Ende des Rohrs korrigiert wird. Bleek bezeichnet fast die ganze Umwelt-Politik als End-of-the-pipe-Lösungen.

Elektromobilität, auch gerne von grünen Parteien als Trend in der Energiewende favorisierte Maßnahme, macht jedoch alles nur viel schlimmer. Man versucht uns zu vermitteln, dass dadurch die Umwelt durch den verringerten Ausstoß von Treibhausgasen geschont wird und verschweigt dabei, dass der Anteil des Treibstoffs im Vergleich zum Material-Input eines Mittelklassewagens lediglich 2% beträgt. Selbst wenn man die gesamte Infrastruktur, Straßen, Parkplätze, Tankstellen usw., die ein Auto benötigt gar nicht mit einrechnet, liegt der Treibstoffanteil bei nur 15-20%. Der Material-Input eines solchen Fahrzeugs mit einer durchschnittlichen Gesamtfahrleistung von 200.000 km beträgt etwa 60-80 Tonnen; das sind 300-500 Gramm Gewicht pro gefahrenem Kilometer (!), die an Ressourcen bewegt und denaturiert werden. E-Mobilität mit ihren Hybridmotoren und höherem Bedarf an zB. seltenen Erden für Technik und Magneten verstärkt die Umweltbelastung enorm. Wenn man nur den Treibstoffverbrauch und die Emissionen betrachtet, blendet man 80% der durchs Auto verursachten Umweltbelastungen aus – die grüne Lüge.

Wer zu den „menschengemachten Stoffströmen“ mehr erfahren möchte, findet einige interessante, wissenschaftlich aufbereitete Informationen dazu auf der englischsprachigen Seite materialflows.net. Man erfährt zum Beispiel, dass die natürlichen Stoffströme, also durch Errosion, Wasser, Wind uvm. pro Jahr auf ca. 50 Mrd. Tonnen geschätzt werden. Der Mensch hat hingegen im Jahr 2008 fast 111 Mrd. Tonnen (!!!) aus natürlichen Lagerstätten extrahiert.

Natur und Ökonomie

Natur ist ökonomisch unsichtbar lautet die Überschrift des 7. Kapitels. Ein Unternehmen, ausgestattet mit genügend Kapital muss die Interessen der Geldgeber, Gewinne zu machen, befriedigen und soweit den Beschäftigten dienen, dass diese die Produkte kaufen und nutzen können. Dass aber auch eine dritte Komponente, nämlich die Quelle der natürlichen Ressourcen einen wesentlichen Anteil am Funktionieren dieses Systems hat – diese Erkenntnis setzt sich nur sehr zögerlich durch. Am Zenit des Geiz-ist-geil-Zeitalters ist das zwar fast verständlich – wer will schon, dass unsere Produkte teurer werden – wenn die Entwicklung aber so weitergeht, zahlen wir die aus der Ressourcenentnahme resultierenden Kosten für entstandenen Umweltschäden aber ohnehin bald massiv auf Umwegen mit unseren Steuergeldern zurück – der Bürger, nicht das Unternehmen.

Würden die Urheber der durch diese Stoffströme verursachten Umweltprobleme deren Beseitigung auch bezahlen müssen, so würde ein Auto wahrscheinlich ein vielfaches kosten als bisher. Durch diese Kostenpolitik ist es möglich, dass die Umweltschäden entweder gar nicht behoben werden oder, wenn es nicht mehr anders geht, der Steuerzahler für deren Beseitigung aufkommen muss – also auch jener, der gar kein Auto besitzt.

Wir haben bis dahin hoffentlich verstanden, dass diese Unternehmen, für dessen Umwelt- und Ressourcensünden wir dann aufkommen müssen, ihre Gewinne privatisiert haben, davon kaum Steuern beigetragen haben und die Folgekosten der Gesellschaft aufbrummen. Ganz verherend wird dieser Aspekt bei der Lagerung von Atommüll deutlich. Aber auch bei Konsumgütern wird klar, dass dieses System nur eine Umverteilung nach oben darstellt.

„Die Wirtschaft ist strukturell weder sozial noch ökonomisch“ und leistet daher auch keinen Beitrag zum Gemeinwohl – auch wenn uns das diverse Interessensvereinigungen aus Industrie und Wirtschaft gerne glaubhaft machen wollen.

Das Motoradschloss – Die Ressourcenwende

Im 9. Kapitel gibt es eine schöne Kurzdarstellung davon, wie eine Ressourcenwende in Technik und Forschung aussehen könnte – anhand eines Motoradschloss.

Zum Vergleich dient eine herkömliche Kette zum Sichern des Motorrads mit dicken Gliedern aus Stahl, fast 2 Meter lang und 10 Kilo schwer, mit einer Kunststoffummantelung – ressourcenaufwändig in Herstellung und Transport und äusserst unhandlich in der Nutzung. Die Innovation: eine Stahlklemme mit Schloss, die an den Löchern der Scheibenbremse angebracht als Wegfahrsicherung dient, weniger als 1 Kilo schwer, handlich und klein. Das Beispiel zeigt, wenn auch recht trivial, wie Ressourcen um den Faktor 10 eingespart werden können und gleichzeitig eine sehr praktische Innovation den Markt erreicht.

Im Buch folgen aber auch sehr peinliche Argumente von großen Konzernen, die einfach kein Interesse haben, eine Änderung herbeizuführen, weil die Ressource Natur kaum etwas kostet. Ein Ausweg wird vorgeschlagen:

Die Ressourcensteuer

Würde man den Verbrauch von natürlichen Ressourcen besteuern wollen, kämen gleich reflexartig Gegenargumente auf, das würde die Produkte verteuern, den Konsum schwächen, Arbeitsplätze gehen verloren und der Wachstum, den wir so dringend brauchen, ginge zurück. Der Effekt ist aber umgekehrt, denn die Suche nach Alternativen Lösungen für eine nachhaltige Wirtschaft erfordert kreative Köpfe. Durch die Einnahmen aus einer Ressourcensteuer könnten Lohnnebenkosten gesenkt und Arbeitsplätze geschaffen werden und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöht werden, ganz zu schweigen von den Möglichkeiten einer Verteilungsgerechtigkeit und besserer Bildungspolitik.

Bleeks Diagnose zum Informationsbedarf lautet:

 In keinem Bereich der Zivilgesellschaft, einschließlich der Universitäten, existieren ausreichende Kenntnisse über den Zusammenhang zwischen der Ressourcenproduktivität unserer Wirtschaft und der gegewärtigen Umweltkriese.

Abschließende Gedanken

Der Preis eines Produkts spiegelt schon lange nicht mehr dessen tatsächliche Kosten wider. Wer bezahlt diese dann, wenn nicht der, der dieses Produkt kauft? Ist es nicht eigenartig, dass ich etwas billiger bekomme, je mehr ich mir davon leisten kann – gibt es einen Ausweg aus dieser Mengenrabatt-Gesellschaft?

Bleek prangert nicht nur an, sondern zeigt auch Auswege aus diesem System auf. Freilich werde ich in meinem Leben keine Änderung dieser Systeme mehr wahrnehmen, weil mächtigere Interessen leichter durzusetzen sind. Ich hoffe aber, dass durch Bildung, Interesse und Verantwortungsbewusstsein Vieler, doch Änderungen herbeizuführen sind, die vielleicht wenigstens meine Enkelkinder einmal spürbar wahrnehmen können.

Weblinks

Der Faktor X – Mehr Wohlstand mit weniger Naturverbrauch – umwelbundesamt.de

How to Develop Eco-Innovative Products and Services and Improve their Material Footprint – Wuppertal Institut

Interview mit Friedrich Schmidt-Bleek auf diepresse.com

Kurzfilm Beyond Climate Change

Das Buch wurde in Deutschland auf FSC-Papier aus Österreich gedruckt. Ich empfehle einen Kauf im lokalen Buchhandel. Gerne kann auch bei mir im Laden darin geschmökert werden! ISBN: 978-3-453-28057-1