Der Volkertmarkt, das kleine Arschloch

Die Volkertmarkt ist genau wie allen anderen Märkte in Wien das Produkt der frühmittelalterlichen Auflösung der Naturalwirtschaft. Als sich Städte entwickelten und sich allmählich von ländlichen Regionen abzuspalten begannen, wurde es notwendig die Produkte der Landwirtschaft wöchentlich in die Stadt zu transportieren um sie zunächst gegen städtische Naturalien, dann gegen Geld einzutauschen. Im Laufe der Zeit wuchs das Bedürfnis der städtischen Bevölkerung nach Luxusgütern und Prestigeobjekten von fernen Ländern und exotische Produkte aus dem Ausland wurden importiert und auf den Wiener Märkten für teures Geld verhökert. Damals war der Kapitalismus also noch ein in die Windel scheißendes Kleinkind mit hoffnungsvollen Kulleraugen. Heute braucht man schon ein diffuses undurchsichtiges Kanalsystem um die ganze Scheiße verschwinden zu lassen, die er produziert. Das kleine Arschloch ist erwachsen geworden. Kinder, wie die Zeit vergeht. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

volkertmarkt kapitalist

Foto Luciano Stoeckl

Das schöne an dieser Geschichte ist, dass sich dadurch Märkte zu einem Treffpunkt unterschiedlicher Nationen und ethnischer Gruppen entwickelten. Und der Volkertmarkt ist so ein Treffpunkt. Standler und Standlerinnen aus Rumänien, Türkei, Israel, Italien, Bosnien und Kroatien treffen hier tagtäglich aufeinander und sorgen für ein buntes Marktleben, das genug Stoff für die beste Dailysoap böte, die das österreichische Fernsehen jemals gesehen hat. Und ein paar von ihnen sollen hier portraitiert werden um in alter Markt-Tradition für einen Austausch von (Gedanken-)Güter zu sorgen.

Da gibt es zum Beispiel den General. Der General ist ein selbsternannter Hippie-Rocker und lebt seit einigen Jahren im zweiten Bezirk. Während er auf seine Arbeitserlaubnis wartete, half er am Volkertmarkt im alten Obst- und Gemüsestand aus und durfte sich am Freitag immer die beste Ware mit nach Hause nehmen. Nach und nach lernte er alle Standler am Markt kennen und steht seither jeden Tag mit guten Ratschlägen und kreativen Einfällen zur Verfügung. Außerdem hat er alles erdenkliche zu Hause, was man am Markt und in der Nachbarschaft schnell mal benötigen könnte. Wirklich Alles!

Volkertmarkt der General

Foto Luciano Stoeckl

Die akribische Mülltrennung am Markt liegt dem General sichtbar am Herzen und über Umweltsünder, wie dem Peppi, der das Altglas in der Nacht immer in die Restmülltonne kippt, könnte er sich stundenlang aufregen. Dabei schielt er über seine Brille und bohrt mit seinem Blick Löcher in das schlechte Gewissen des Gegenübers. Wenn Mülltrennung noch nicht an oberster Priorität im Haushalt stand, dann tut sie es spätestens nach einem Gespräch mit dem General. Dieser Blick lässt einen sogar darüber nachdenken einen Teebeutel in Bio, Alu und Schnur zu trennen. Nur der Peppi scheint dagegen immun zu sein.

Seit es das Marktkaffee Nelke gibt, ist der General ein neuer Mensch und gar nicht mehr so grantig wie früher. Er konnte sogar seine Antidepressiva absetzen weil er hier endlich auf Verständnis, Respekt und ja, Liebe gestoßen ist. Klingt kitschig ist aber so. „Nelke is my Uni of Love“ scherzt er wie so oft und lacht sich danach kaputt, als hätte er den Spruch gerade erst erfunden.

Ordnung, Sauberkeit und Symmetrie sind seine Leidenschaft. Außerdem sammelt er für sein Leben gerne. Obwohl er die Bezeichnung Messi nicht mag, wird er gelegentlich als solcher bezeichnet. Doch er sammelt nicht, weil er krank ist, sondern weil er überzeugt ist, damit etwas zu schaffen, erklärt der General mit Nachdruck. Als seine Ex-Frau die gemeinsame Wohnung räumen ließ weil sie bis oben hin voll war mit Schachteln, Zeitungen und undefinierbaren Gegenständen, stürzte sich der General vor Verzweiflung von der Reichsbrücke. Nicht wegen der Scheidung, sondern wegen seiner Sachen! Anstatt die Räumung zu verhindern, und zu organisieren, dass seine gesammelten Schätze zu ihm zurück kommen, wollten die Psychologen ihn therapieren und herausfinden, warum er so sehr an den Dingen hängt. Der General bezeichnet das als Denkfehler und geholfen hätte ihm das in dem Moment auch nicht. Seine Worte kommen mit einer kindlichen Wahrhaftigkeit aus seinem Mund, dass ihnen eigentlich nicht widersprochen werden kann.

Seit geraumer Zeit plant er auszusortieren um nach und nach ein paar Sachen am wöchentlichen Flohmarkt zu verkaufen. Immer wieder findet er allerdings einen undefinierbaren Gegenstand, der ihm in seiner Sammlung noch fehlt. Die letzte Eroberung war eine Tablett für sechs Schnapsgläser in Form eines Spachtels mit Haltegriff auf dem eine Fahrradglocke befestigt war, die der General immer wieder freudig bimmeln lies während sich so mancher den Kopf zerbrach, wozu man dieses Teil benötigen konnte.

Neli und Georg sind die Besitzer der Nelke. Vor genau zwei Jahren kauften sie die alte Civapcici-Bude am Volkertmarkt und planten ein hübsches kleines Kaffee am Markt zu zaubern. Dieses Vorhaben verurteilten viele, in Anbetracht des wenig adretten Volkertmarktes, zum Scheitern. Selbst das Gründercenter, dass Georg zwar als kreditwürdig einstufte, riet dem auf Viren und Bakterien spezialisierten Biotechniker von diesem Vorhaben eindringlich ab.

Volkertmarkt Nelke Georg und Neli

Foto Luciano Stoeckl

„Möchtest du wirklich dein Leben mit dem Wettex in der Hand verbringen?“ fragte Georgs Bruder besorgt über den tristen Markt blickend an einem nebeligen Novembertag. Doch irgendwie wusste Georg, dass er entweder jetzt oder nie seinem Leben eine neue Farbe geben kann und so entschied er sich für das Abenteuer am Volkertmarkt. Er setzte in den bisherigen Hundekackstreifen vor dem Lokal Sonnenblumen an, Neli konfiszierten die alten Kredenzen und Tischchen von Nelis Oma aus Rumänien und zusammen eröffnete dieses echt schräge Paar dieses echt coole Lokal. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich die Nelke zum Herzen des Marktes. Und die Gretzlfizierung begann.

Neli hatte schon als Kind den Traum eines eigenen Kaffeehauses. Sie wuchs in Rumänien auf, wo Kaffee und Tabak Statussymbole waren, mit denen man Lehrer um eine bessere Note bestechen konnte. Das erklärt auch, warum sie trotz mangelnder Anwesenheit immer die beste in der Schule war. Sie und ihr Busenfreund Michi, der mit Zwölf schon einen Schnurrbart hatte und somit der Mädchenschwarm der Klasse war, vertrieben sich die Nachmittage lieber in verrauchten Kaffeehäusern als in der Schule. Im ex- kommunistischen Rumänien gingen nur die Reichen ins Kaffeehaus und Markenzigaretten wie Marlboro waren ausschließlich am Schwarzmarkt zu bekommen.

Weil aus Neli mal was werden sollte, schickten ihre Eltern die Tochter mit Zehn Jahren nach Timișoara um dort eine deutsche Schule für Reiche zu besuchen. Sie wohnte von da an allein in einer kleinen Stadtwohnung und bekam ein Handy, woraus sie schließen konnte, dass sie wohl zu den Reichen gehören musste. Dabei waren ihre Eltern nur schlaue Wirtschafter, die es immer verstanden die Bedingungen für ihren Vorteil zu nutzen. Während der Jugoslawienkriege beispielsweise belieferten sie den Schwarzmarkt über der serbischen Grenze mit Lebensmitteln, Tabakware und Benzin. Bezahlt wurde mit Deutscher Mark, weil der Serbische Dinar zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr wert war. Neli erzählt die Geschichte mit komplizenhafter Stimme und schielt immer wieder über ihren Brillenrand um zu überprüfen, ob es auch keine unwillkommenen Zuhörer gibt.

Als der rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu 1989 zusammen mit seiner Frau hingerichtet wurde, trauerte die vierjährige Petronela sehr. Ceaușescu war der einzige berühmte Mensch, den sie jemals gesehen hatte. Das Fernsehprogramm spuckte nicht mehr aus als diesen freundlich wirkende Mann im Anzug und Neli hatte sich an ihn gewöhnt. Ein Rumänien ohne ihn konnte sie sich nicht vorstellen. Die Hinrichtung wurde live im Fernsehen übertragen. Heute redet Neli über den neostalinistischen Diktator wie über einen fragwürdigen Verwandten, für den man sich nicht entschuldigen will weil man sich die Familie nun einmal nicht aussuchen kann. „Rumänien war am Ende seiner Ära zwar schuldenfrei aber zu kaufen gab es nichts. Er hat alles exportiert. Die Regale waren leer!“ Sie schüttet ihren fünften Kaffee genüsslich runter und steckt sich die nächste Marlboro an.

Jede Wochen, immer am Donnerstag, kocht Roberto in der Nelke. Er betreibt einen kleinen Feinkoststand gegenüber von der Fischinsel, wo er Köstlichkeiten aus Süditalien verkauft. Vor 10 Jahren musste Roberto seine Heimat Sizilien verlassen. Die Mafia machten ihm und seiner Familie das Leben schwer. Roberto ist mit seinen fünf Geschwistern im Familienbetrieb aufgewachsen und ist als Gastronom sozusagen auf die Welt gekommen. Als die Bedrohungen und Schutzgeldforderungen sich häuften, zog er es vor, seine Heimat und seine Familie zu verlassen. Ein bisschen macht es den Anschein, als hätten ihm die italienischen Mafiosis nichtwissend den nötigen Schubs aus dem Nest gegeben. Immerhin war er jung und die Tentakeln seiner Familie hätten ihm vermutlich nie den Freiraum gegeben das unkonventionelle Leben zu führen, dass er heute führt.

Volkertmarkt Roberto

Foto Luciano Stoeckl

Roberto bietet ein Sortiment von Produkten an, die auf mafiabefreiten Ländereien erwirtschaftet wurden. Hunderte Hektar Land wurden in Sizilien bereits vom Staat konfisziert, aufgewertet und menschenwürdige Arbeitsbedingungen wieder hergestellt. Dafür setzt sich Roberto ein weil er am eigenen Leib erfahren hat, wie sich die Ohnmacht anfühlt, die so gar nichts mit dem Soprano-Charme zu tun hat, den man in unseren Breitengraden mit Mafia assoziiert. Das sind richtig fiese Schurken und die löschen ohne mit der Wimper zu zucken Existenzen aus“ näselt Roberto in Eros-Ramazotti-Manier hinter seiner Budel.

Die Fischinsel gegenüber von Roberto wird von Sanella betrieben. Zusammen mit ihrer Schwester Amela kam sie nach dem Jugoslawienkrieg nach Österreich. Ihren 18. Geburtstag konnte Sanella nicht feiern weil da der bosnische Befreiungskrieg gerade voll im Gange war. Alles was sie im Krieg machen konnte, war zu Hause bleiben und schlafen. Der General hat einmal gesagt, Bosnien sei zu der Zeit das größte Schlafzimmer der Welt gewesen, was mit dieser Information plötzlich viel mehr Sinn ergibt. Sanellla studierte eigentlich Wirtschaft doch im Krieg hat das Land und seine Bevölkerung alles verloren und jeder Tag hatte das Ziel, den jeweils nächsten noch zu erleben.

Die Schwestern kamen als mittellose Flüchtlinge nach Wien und bauten sich langsam wieder eine Existenz auf. Seit vier Jahren sind die Schwestern in der Fischinsel und die Anzahl der Fische, die Sanella seitdem getötet hat, möchte sie lieber nicht wissen. Gott hat ihr allerdings schon ein Plätzchen in der Hölle reserviert scherzt sie augenzwinkernd. Mit dem Hammer donnert sie dem Karpfen auf den Schädel bis er nicht mehr zuckt. Dann nimmt sie ein riesiges Messer und säbelt dem Fisch den Kopf ab. Mit einem überdimensionalen Rasierer befreit sie die Fischhaut von den Schuppen. Diese fliegen quer durch den Raum und tapezieren die Wände.

Volkertmarkt Fischinsel

Foto Luciano Stoeckl

Die Kundschaft spricht Sanella grundsätzlich mit „Schatzi“ an, was ihr ordentlich viel Respekt am Markt verschafft. Dabei macht sie keinen Unterschied welches Alter, welche Nation oder welches Geschlecht vor ihr steht. Für Sanella ist Schatzi ein Universalwort. Eine der Schwestern ist mit einem der Gemüsestandler von gegenüber verheiratet.

Die Dogos gehörten zu denen, die Neli und Georg von dem Kauf der alten Bude abrieten.

„Toter Markt, toter Markt“ wiederholten sie nur motorisch. Meine Fragen beantworten die Dogos nur mit „Alles super, alles gut“. Für das Foto hatten sie genau zwei Sekunden Zeit bis sie wieder davon wuselten um geschäftig weiter ihr Obst und Gemüse zu verkaufen. „Ich bin ein Roboter“ ruft mir einer der Brüder noch hinterher und macht dabei den Robot- Dance „immer am arbeiten!“.

Volkertmarkt Obststand

Foto Luciano Stoeckl

Neben der Fischinsel findet man den besonnen und ernsten Sümer. Er verkauft Schafkäse, Oliven, Fladenbrot, türkische Spezialitäten und Dosenbier. Er trägt immer denselben weißen Arbeitskittel und sieht seit Jahren unverändert aus. Er ist immer sehr freundlich aber in seinen Augen scheint sich ein überheblicher Weltschmerz zu verstecken. Als Sümer vor einigen Jahren dem neuen Jugendzentrum weichen musste, haben die Nachbarstände schon seine Tage gezählt, doch er ist ein Kämpfer, erzählt er und hat sich nicht unterkriegen lassen. Heute betreibt er den ältesten Stand am Markt. Er und seine Familie mussten die Türkei in den Neunzigern aus politischen Gründen verlassen.

Volkertmarkt Sümer

Foto Luciano Stoeckl

Als Christlich-Orthodoxer fühlt er sich der Volksgruppe der Aramäer zugehörig und gehörte in der Türkei einer Minderheit an. Neli glaubt, er spräche die Sprache Jesu und er bestätigt, dass Aramäisch seine Muttersprache ist. Religion spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle und während der Fastenzeit hält er sich tapfer an seinem Wasserglas fest während sich die Alkis vom Markt in seinem Laden täglich die Hucke voll saufen. Doch das blendet er märtyrerhaft aus. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Schöner wäre es allerdings, er würde mit seinen köstlichen Oliven und dem tollen Käse seine Rechnungen bestreiten können. Aber die Supermarktketten machen ihm eine zu große Konkurrenz. Wo wir wieder beim kleinen Arschloch wären. Märkte, so Sümer, entwickeln sich immer mehr in Richtung Gastronomie und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich anzupassen.

Die Moral von der Geschicht gibt es nicht. Es handelt sich hierbei lediglich um einen Bericht, einen Einblick, eine Aufforderung des Austausches. Und um eine Einladung zum Volkertmarkt in den 2. Bezirk! Kommen sie! Werden sie Zeuge! Aber schleichen sie sich danach bitte auch wieder. Schließlich soll sich der Volkertmarkt nicht zum neuen Naschmarkt gentrifizieren. Im Moment verhält sich der Volkertmarkt zum Naschmarkt zwar wie der Urkommunismus zum Kapitalismus aber der Teufel schläft nicht und Insel muss Insel bleiben.

Volkertmarkt Guten Morgen

Foto Luciano Stoeckl