Vergib mir GuterStoff, denn ich habe gesündigt – ein Seelenstriptease

Mit Ende Zwanzig muss man sich langsam damit abfinden, dass man nicht mehr Anfang Zwanzig ist. Die Haut bekommt Runzeln, das Bindegewebe wird brüchig und die Brüste beginnen sich zu senken. Und: Freunde heiraten. Menschen mit denen du dich früher über die Sinnlosigkeit von Paarbeziehungen echauffieren konntest, gehen nun den heiligen Bund der Ehe ein.

Darum werde ich auch lachen, wenn euch Unglück trifft, werde spotten, wenn Schrecken über euch kommt.

(Die Warnung vor Verführung und Unerfahrenheit 1,8-3,35)

Die erste Frage, die sich mir in Anbetracht dieser Einladung stellte: Was ziehe ich an? Im Normalfall versuche ich Kleidung bewusst und fair einzukaufen. Ich besitze zum Beispiel zwei Armani-Hosen aus den 80ern  um wenig Geld aus zweiter Hand erstanden. Der Schnitt zeigt eindeutig, dass es sich um ein älteres Modell handelt. Das finde ich cool. Die Marke selbst steht nach wie vor für Reichtum und Luxus. Mit einem schlabbrigen Leiberl und meinem GuterStoff-Beutel in Kombination entsteht, finde ich, eine Ironisierung von Markenkleider und eine Kritik am Kapitalismus. Die Marke bleibt die selbe, die Message ist eine andere.  

Wach auf, wach auf und bekleide dich mit Macht!

(Der starke Arm Jawehs 51,9-16)

In diesem Fall – die Hochzeit – sah ich mich allerdings gezwungen auf Stangenware zurück zu greifen. Die Zeit war knapp und ich hatte keine Energie sämtliche Second-Hand-Läden der Stadt zu durchforsten um einen passenden Fummel zu finden.

Und so begab ich mich auf eine Odyssee in die Wiener Shoppinghölle Mahü. Weekday war meine erste Adresse. Weekday ist eine depressive Schwester von H&M.

week-day-alien-model-montage

weekday model vs alien

Zu meiner großen Enttäuschung musste ich feststellen, dass auch ich mich in den Kabinen von Weekday in ein geschlauchtes, dünnhäutiges Häufchen Elend  mit Augenringen verwandle. Wie die Models auf den Plakaten nur mit mehr Fettanteil.

Die Schnitte der Kleider, die ich dort probierte schienen eher für Wesen von anderen Planeten kreiert worden zu sein als für einen Erdling mit einem Rumpf, zwei Beinen, zwei Armen und einem Kopf. Vom Arsch gar nicht erst zu sprechen. Mein eigener Anblick trieb mich in eine Frustration. Die Kondom-Kampagne des Shops und der Einsatz für einen offenen und bewussten Umgang mit Sexualität ist zwar ganz nett aber beim Anblick meines Spiegelbildes hatte ich große Zweifel jemals wieder ein Kondom benützen zu müssen.

Hat die Tatsache, dass ich in keines der Kleider auch nur ansatzweise hineinpasse, damit zu tun, dass ich mit meinem Körperbau zu weit von der Norm abweiche?

Wenn ich nicht normal bin, dann fordere ich hier und jetzt eine Einkaufsmöglichkeit für Menschen mit besonderen Bedürfnissen!

Bald wird der Gefesselte freigelassen; er wird nicht im Kerker sterben, und es mangelt ihm nicht mehr an Brot.

(Der starke Arm Jawehs 51,9-16)

Um den Seelenstriptease abzukürzen: Letztlich ging ich in den nächsten H&M und kaufte mir ein schwarzes Basic-Baumwoll-Kleid um 7,99 € ohne Schnitt und ohne Firlefanz. Geschickt kombiniert und aufgewertet durch gute Schuhe machte ich bei der Hochzeit keinen schlechten Eindruck. Alles gut gegangen also. Oder?

The sexiest people are thinkers. Nobody’s interested in somebody who’s just vain with a hole in their head, talking about the latest thing — there is no latest thing. It’s all rubbish.

(Vivienne Westwood)

H&M macht es ja selbst dem kritischsten Konsumenten einfach sich aus der Verantwortung zu ziehen. Jedes Jahr veröffentlicht der schwedische Milliarden-Betrieb einen Nachhaltigkeitsbericht über 85 Seiten. Darin ist zu lesen, wie H&M gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung eintritt. Die Botschaft dieses Berichtes und die damit einhergehenden Nachhaltigkeits-Kampagnen wie H&M Conscious ist: Wir sind gut!

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre, warum liebt ihr den Schein und sinnt auf Lügen?

(Psalmen 1,1-4,2)

Alles gut und schön. Die Strategie von H&M könnte offensichtlicher gar nicht sein und ist vergleichbar mit dem pseudogesunden neuen Image von McDonalds. Das ist ja auch nicht unbedingt schlecht in erster Instanz. Man könnte damit argumentieren, dass Milliarden-Konzerne zumindest dafür sorgen, dass das Bewusstsein für Gesundheit und Nachhaltigkeit der breiten Masse geschärft wird.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn Verantwortung kann abgegeben werden wie an den lieben Gott, der schon dafür sorgen wird, dass am Ende alles gut ist. Ist es aber nicht.

Oder glaubt irgendjemand, dass der Big Mac heute gesünder ist als vor fünf Jahren als es noch keine glutenfreien Brötchen oder vegetarischen Chickenburger gab, der genauso schmeckt wie das Original? Die Antwort ist doch hoffentlich nein. Genauso einzuordnen sind die pseudo-reumütigen Geständnisse und Versprechen des H&M-Managers Karl-Johan Persson, der übrigens Wirtschaftswissenschaften an der European Business School in London studierte.

Looking good should do good too. That’s what H&M Conscious is all about – it’s our promise to bring you more fashion choices that are good for people, the planet and your wallet.

(Karl-Johan Persson)

H&M setzt sich immer wieder tatkräftig für gute Zwecke ein. So ist der schwedische Bekleidungskonzern beispielsweise ein wichtiger Partner für UNICEF Österreich. Zu den erfolgreichsten Aktionen dieser Kooperation zählt die „1 Euro für UNICEF-Aktion“, wo Kunden an der Kassa aufgefordert werden, einen Euro für UNICEF zu spenden. Als Dankeschön erhält der Kunde einen Rabattgutschein für den nächsten Einkauf bei H&M. Das ist doch sehr nett. Nett ist der kleine Bruder von scheiße und wer am Ende des Tages von dieser Aktion am meisten profitiert muss hier wohl nicht extra erwähnt werden.

So mußtest du deinen Rücken zum Fußboden machen, zum Weg für die, die über dich schritten.

(Der Zornbrecher Gottes 51,17-23)

Ebenso doppelmoralisch ist die neue Kampagne „World Recycle Week“ mit dem Gesicht der aus Sri Lanka stammenden Musikerin M.I.A. Mithilfe des politisch sehr engagierten Superstars sollen 1000 Tonnen Altkleider gesammelt und wiederverwertet werden. Für H&M´s Image ist das Seife und der nette Nebeneffekt dieser Kampagne sind hirngewaschene Konsumenten, die sich in H&M-Klamotten nicht nur sauber sondern rein fühlen dürfen.

Der Punkt ist, diese Aktionen sind ja nicht unbedingt schlecht und gewisse Werbefilme von H&M tatsächlich sehr ansprechend. Das Image von H&M ist tatsächlich sehr sympathisch und es ist ja auch wahnsinnig bequem bei H&M einzukaufen. Die Firmenphilosophie ist top, die Marketing-Kampagnen durchdacht, zeitnah, kritisch, jung. Und rein wirtschaftlich gesehen ist H&M ein Hit. Aber H&M ist nicht nachhaltig. H&M ist nicht fair. Und H&M ist auch nicht umweltfreundlich. Gewinnexpansion ist das einzige was zählt. Und um das zu erreichen sind alle erdenklichen Mittel recht. Willkommen im Kapitalismus. Das ist eben keine Theorie, das ist knallharte Praxis. Moral spielt da keine Rolle. Denn während Moral eine Idee ist, bestenfalls ein Ideal, ist Kapitalismus nunmal Realität. Aber „Dreams are my Reality“!

So. Weiter geht’s. Ja, der Riesenkonzern spricht sich gegen Kinderarbeit aus. Natürlich tut er das. Alles anderer wäre ja auch irgendwie dumm. Kinderarbeit ist ja schließlich nicht gerade hipp. Aber wenn es Karl-Johan Persson oder einen seiner Vorgänger so wichtig gewesen wäre, faire Arbeitsbedingungen in Dritte-Welt-Ländern zu schaffen, dann hätten sie seit der Gründung 1947 schon mehr als eine Chance gehabt eine eigene Produktionsstätte zu errichten und dort eigenmächtig für bessere Bedingungen und der Einhaltung dieser zu sorgen. Stattdessen besitzt der schwedische Modemacher mit einem Jahresumsatz von knapp 20 Milliarden Euro im Jahr 2014 keine eigenen Produktionsstätten sondern lässt in Billiglohnländern produzieren. Die Nachvollziehbarkeit der Arbeitsbedingungen ist da sehr diffus und somit kann Kinderarbeit nicht ausgeschlossen werden. Abgesehen von Kinderarbeit lag der Mindestlohn in der Textilbranche in Bangladesch, eines der ärmsten Länder der Welt, im Jahr 2013 bei etwa 30 Euro im Monat. Das reicht selbst in Bangladesch kaum zum Überleben. Im selben Jahr sorgte das größte Industrieunglück in der Geschichte der Textilindustrie für mediale Aufmerksamkeit: Das Fabrikgebäude Rana Plaza in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, Bangladesch stürzte nach einem Brand ein und riss mehr als 1100 Menschen mit in den Tod. Laut des bangladeschischen Innenministeriums waren fünf internationale Textilfabriken im Gebäudekomplex untergebracht. Auf Risse in den Wänden wurden von Mitarbeitern im Vorfeld Aufmerksam gemacht, jedoch ohne Resonanz. Firmen, die ihre Produktion im Rana Plaza Gebäude zum Zeitpunkt des Zusammensturzes bestätigten sind unter anderem Benetton, KiK und Mango. Lokale Aktivist_innen fanden in den Trümmern jedoch auch Hinweise auf weiterer Marken, die ihre Geschäftsbeziehungen zum Rana Plaza bestritten oder als beendet erklärten. Dieses Unglück steht seither symptomatisch für die desolaten Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in der gesamten Textilindustrie.

It has always been our vision that all textile workers should be able to live on their wage. We are focusing on our strategic suppliers to start with. Our goal is that all of them should have improved pay structures for fair living wages in place by 2018.

(Karl-Johan Persson)

Für die Arbeiter_innen aus dem Rana Placa kommen Versprechen wie diese mehr als zu spät.

I’ll tell God: You took them away and destroyed my life. (Filmzitat!)

2010 publizierte H&M einen Verhaltenskodex indem viel über die Würde der Arbeiter_innen drinnen steht. Theoretisch einwandfrei.

H&M ist hier allerdings nicht der Bösewicht. H&M ist nämlich gar kein Wicht sondern ein Konzern. Niemand kann von einem Konzern erwarten moralisch zu handeln. Aber jedem steht es frei eine Ware, die unter menschenunwürdigen Umständen hergestellt wird nicht zu kaufen. H&M kann das 7,99 € Kleid nur deshalb so billig verkaufen weil es genügend Käufer gibt. Die Konsumentenmasse macht einen Riesenkonzern zu einem riesen Konzern. Die Konsumentemasse macht aus einem unmoralischen Konzern einen unmoralischen Konzern. Denn die Nachfrage bestimmt den Markt. Und wenn der einzelne Konsument jetzt mehr auf die fairen Produkte von H&M abzielt, dann wäre Persson wahrscheinlich nicht glücklich weil das weniger Umsatz bedeutet aber er sehe sich gezwungen auf fair produzierte Kleidung umzusteigen. Ich sage nicht, dass man nie wieder zu H&M gehen darf und wenn man es doch tut, sei man ein ignorantes Arschloch. Aber es sollte einem doch bewusst sein, was man kauft, woher es kommt, wie es produziert wurde. Auch die Menge der Kleidung, die man kauft sollte überdacht sein.

Man sollte selbst die Verantwortung für sein Kaufverhalten tragen und nicht sich ausruhen im Glauben an einen Konzerngott, den es gar nicht gibt. Die Masse ist Gott. Wir sind Gott.

Überheblich sagt der Frevler: „Gott straft nicht. Es gibt keinen Gott.“ So ist sein ganzes Denken.

(Psalmen 9,6-10,16)

Amen.